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Entwicklung von Erdgas- bezug und Nachfrage im Jahres- vergleich 2008/2009
Im Verlauf der Jahre 2008 und 2009 hat
sich die weltweite Finanz- und Wirtschaftskrise zunehmend auch auf die
Gaswirtschaft ausgewirkt. Effekte der Krise waren eine sinkende
Gasnachfrage sowie Großhandelspreise für Erdgas, die dauerhaft unter
das Niveau ölgebundener Langfristverträge sanken. In der Folge dieser
Entwicklungen wurden die traditionellen Säulen der langfristigen
Vertragsbeziehungen zwischen Produzenten und Importeuren auf den
Prüfstand gestellt.
Mit der sinkenden Nachfrage wurden
Klagen in der Gaswirtschaft laut, dass die bestehenden
Take-or-pay-Verpflichtungen in den Bezugsverträgen nicht eingehalten
werden können. Dabei ist zu trennen zwischen der Importebene und der
Lieferkette innerhalb der deutschen Gaswirtschaft. Je nach betrachteter
Ebene stellt sich das Problem unterschiedlich dar.
Innerhalb der
Lieferkette der deutschen Gaswirtschaft war die Betroffenheit durch die
Krise abhängig vom Kundenportfolio der Unternehmen. Generell waren
Unternehmen mit einem hohen Anteil von Industriekunden stärker
betroffen als Unternehmen, die hauptsächlich Haushaltskunden beliefern.
Letztere konnten dabei stärker von dem kalten Winter profitieren, der
dazu beitrug, dass der krisenbedingt sinkende Bedarf von Industrie und
Gewerbe durch einen steigenden Heizwärmebedarf der Haushalte teilweise
kompensiert werden konnte. Zudem waren viele Unternehmen darüber
hinaus mit Absatzeinbußen konfrontiert, die aus dem zunehmenden
Wettbewerb resultierten.
Auf Basis von Zahlen des
Bundeswirtschaftsministeriums beläuft sich der Nachfragerückgang im
Jahresvergleich auf insgesamt 2%. Betrachtet man die Veränderungen im
Gasaufkommen nach ihrem Ursprung, kommt man zu folgenden Ergebnissen
(siehe Abbildung): Die Importe aus Russland sind massiv zurückgegangen
(-12%), und auch die inländische Gasförderung war rückläufig. Dem
gegenüber stehen Zuwächse bei den Importen aus Norwegen, den
Niederlanden sowie aus sonstigen Lieferländern, die den Rückgang der
russischen Mengen und die gesunkene Eigenproduktion mehr als
kompensieren. Die somit über den tatsächlichen Bedarf hinaus
beschafften Mengen wurden eingespeichert.
Der massive Rückgang
der russischen Mengen kann damit nur teilweise durch die gesunkene
Nachfrage in Folge der Wirtschaftskrise erklärt werden. Auch die
Gaskrise zu Beginn des Jahres kann nicht als Ursache herangezogen
werden. Relevant für diese Entwicklung sind vielmehr die
vergleichsweise hohen Preise für russisches Gas in diesem Zeitraum,
die aufgrund einer besonders langen Verzögerungszeit in der
Ölpreisbindung nicht mehr wettbewerbsfähig waren.
Dies führte
zu Verschiebungen im Beschaffungsportfolio der Importeure, hin zu
höheren Handelsmengen aus Nordwesteuropa. Verletzungen von
Take-or-pay-Verpflichtungen für russische Gasmengen wurden dabei
bewusst in Kauf genommen. In der Folge forderte Gazprom von E.ON
Ruhrgas rund 100 Mio. Euro für nicht abgenommenes Gas im Jahr 2009.
Der
dadurch erzeugte Druck auf die langfristigen, ölpreisgebundenen
Bezugsverträge hinsichtlich einer Flexibilisierung der Mengen- und
Preisregelungen führte in der Folge zu weiteren Verhandlungen zwischen
E.ON Ruhrgas und Gazprom. Im Ergebnis einigten sich die Vertragspartner
eigenen Angaben zufolge auf ein Massnahmenbündel zur Flexibilisierung
der bestehenden Bezugsverträge. Dazu zählt auch, dass in Zukunft ein
Gasvolumen im unteren zweistelligen Prozentbereich an den
Spotmarktpreis gekoppelt werden soll.
Neben E.ON Ruhrgas
verhandeln nun auch weitere europäische Gasversorger mit Gazprom über
eine Spotmarktkopplung von Teilmengen. Zeitungen berichten in diesem
Zusammenhang, dass Gazprom bereit sei, 10-15% der vertraglich
vereinbarten Gasmengen an den Spotmarktpreis zu koppeln. Dies könnte
auch dadurch erfolgen, dass diese Mengen aus den ölpreisgebundenen
Verträgen in separate spotmarktindexierte Verträge überführt werden.
Aufgrund
der aktuellen Marktentwicklungen sahen sich aber auch norwegische
Produzenten zu Zugeständnissen gezwungen. Statoil geht dabei auch den
Weg der Ausgliederung von Teilmengen mit höherer Flexibilität in
separate Verträge, um die Bestandsverträge weitgehend unverändert
beibehalten zu können. Die Anpassungen im Rahmen der bereits
abgeschlossenen turnusmäßigen Preisverhandlungen basieren nach Aussagen
von Statoil weiterhin hauptsächlich auf der Ölpreisbindung.
Die
Gasproduzenten haben auf den Druck durch veränderte marktliche
Rahmenbedingungen reagiert. Die traditionelle ausschließliche
Ölpreisbindung wurde gelockert. Damit wurden erstmals der Existenz von
Großhandelsmärkten für Erdgas Rechnung getragen und die
Wettbewerbsfähigkeit langfristiger Lieferverträge auch in Zeiten
niedriger Großhandelspreise gestützt. Im Gegenzug dazu verzichteten
die Importeure darauf, die Ölpreisbindung an sich in Frage zu stellen.
Für Wettbewerber bzw. Neueinsteiger in den Markt
bedeutet dies zum jetzigen Zeitpunkt jedoch auch, dass ihr Beschaffungspreisvorteil sinkt.