Klimaschutzmaßnahmen sind unumgäglich und werden zu einem radikalen Umbruch in der Energiewirtschaft führen. Darüber waren sich die Vertriebsexperten beim letzten LBD-Erfahrungsaustausch Vertrieb Anfang November einig. Darin wurden das Thema Klimaschutz als Megatrend und die Entwicklung einer Vision 2020 für Stadtwerke diskutiert.
Über die Reduktion der Treibhausgasemissionen und der daraus resultierenden Begrenzung des Klimawandels besteht international Übereinstimmung. Der Temperaturanstieg soll auf 2°C begrenzt werden – aber was heißt das konkret? Die Verhandlungsposition der EU für den Weltklimagipfel in Kopenhagen beinhaltet folgende Reduktionsziele (jeweils gegenüber 1990):
- 20% bis 2020 für die EU, mit einer Aufstockung auf 30%, falls andere entwickelte Länder ebenfalls Reduktionsverpflichtungen übernehmen
- 50% für globale Emissionen und 80% bis 95% in den entwickelten Ländern bis 2050
Die Vermeidung von Treibhausgasemissionen ist eine globale Aufgabe, die lokales Handeln erfordert. Eine gerechte Verteilung verlangt nach einem ökologischen und finanziellen Umverteilungsprozess. Die führenden Industriestaaten müssen als Verursacher ihre Treibhausgasemissionen auf einen Zielwert pro Kopf, gemessen an einer wachsenden Weltbevölkerung, reduzieren. Durch entsprechende Transferzahlungen an die ärmsten Länder und an die Schwellenländer sollen deren Lasten aus dem Klimawandel bewältigt werden.
Die Erreichung der Klimaschutzziele wird sich auf alle Bereiche des täglichen Lebens auswirken, insbesondere aber auf die Energieinfrastruktur. So wird es in der Energieerzeugung in der ersten Phase zum verstärkten KWK-Ausbau als Übergangstechnologie kommen. In der zweiten Phase werden Anlagen in den Vordergrund treten, die vollständig regenerativ erzeugte Energien bereitstellen. Langfristig lassen sich die Reduktionsziele nur erreichen, wenn die Strom- und Wärmeerzeugung vollständig auf erneuerbare Energien umgestellt wird – die Zukunft ist eine rein regenerative Welt.
Der notwendige Ausbau der erneuerbaren Energien in der Wärmeversorgung funktioniert nur bei gleichzeitiger Schaffung einer offenen Wärmeplattform, die sich auszeichnet durch
- eine dezentrale Erzeugungsstruktur,
- eine Einbeziehung möglichst aller Wärmesenken,
- eine dichte Transportinfrastruktur und
- einen flächendeckenden Einsatz von Wärmespeichertechnologien.
Alle nachhaltigen Wärmequellen müssen vollständig ausgeschöpft werden. Jeder kann Erzeuger sein. Eine solche Wärmeplattform stellt neue Anforderungen an die Weiterentwicklung des Wärmenetzes. Dafür muss ein neues Geschäfts- und Netzzugangsmodell geschaffen werden. Darüber hinaus wird in innovativen Gebäudekonzepten (Energie-Plus-Haus) perspektivisch auch regenerativer Strom zur alleinigen Wärmeversorgung eingesetzt.
Auf der kommunalen Ebene führt dies dazu, dass Stadtwerke sich neu positionieren müssen:
- Rückbau nicht mehr benötigter Gasversorgungsinfrastruktur
- Ausbau des Wärmenetzes mit integrierter Vernetzung dezentraler Wärmequellen
- Ausbau der Stromnetze zur Sicherung des Temperaturniveaus aus regenerativem Strom
- Ausbau der Energieeffizienzdienstleistungen
- Ausbau intelligenter Systeme zur Optimierung zwischen Erzeugung und Nachfrage
- Anpassung von Temperaturniveau und Heizungsart (Flächenheizung) beim Verbraucher sowie Integration der Kleinsterzeugung.
Energieversorger werden perspektivisch ihre heutigen Rohstoffkosten gegen Infrastrukturkosten einer vernetzten, regenerativen Welt »tauschen«. Noch sind das genaue Ausmaß, die Lastenverteilung und die Terminkette oben skizzierter Auswirkungen und damit die Vision für Stadtwerke aus Sicht der Vertriebsexperten unklar. Verständlicherweise wird vor dem Hintergrund von Investitionen und deren Finanzierung der Ruf nach kalkulierbaren Rahmenbedingungen für die Energieunternehmen lauter. Aus heutiger Sicht wird dies nicht möglich sein. Ein Weg des schrittweisen Probierens von Teillösungen vor dem Hintergrund der komplexen Fragestellungen (technologische Entwicklung, Infrastrukturvernetzung, Umgang mit Gebäudealtbestand etc.) scheint praktikabler.
Des Weiteren bedarf es tiefergehender Analysen für unterschiedliche Szenarien der Wärme- und Stromversorgung. So wird sich der nächste Erfahrungsaustausch im April 2010 ganz dem Thema »Klimaschutz und dessen Auswirkungen auf den Energievertrieb« widmen. Anhand von Musterbetrachtungen für ausgesuchte städtebauliche Cluster soll unter anderem diskutiert werden, welche Rahmenbedingungen und Marktentwicklungen denkbar sind, welche Technologien eine Rolle spielen, wie die Wirtschaftlichkeit einzuschätzen ist und welche Strategien erfolgversprechend sein können.