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Rekommunalisierung als Megatrend

/ 01. Dezember 2009 /

TRENDreport Expansion, Dezember 2009

In der öffentlichen Diskussion stehen Stadtwerke in einem Spannungsfeld zwischen unterstellter Sippenhaft mit den Großen Vier, Ökologie und Nachhaltigkeit sowie der Wiederentdeckung der kommunalen Energiewirtschaft.

Einer von vier »Megatrends«, der Energieversorgungsunternehmen in Zukunft bewegen wird, ist Rekommunalisierung. Rekommunalisierung ist die Antwort der Kommunalpolitik auf schwindendes Vertrauen der Menschen in die Glaubwürdigkeit und das Handeln der Energiekonzerne sowie Ausdruck des Wunsches, die lokale Politik energie- und klimapolitisch zu gestalten.

Die vier großen Energiekonzerne (EnBW, E.ON, RWE und Vattenfall) leiden unter einem gewaltigen Vertrauensverlust. Ursachen liegen in der Entfernung der Unternehmen zu den Menschen, Gewinnmaximierung als Treiber der Preispolitik und in der mangelnden Transparenz über Preise und Produkte. Die Wahrnehmung der Menschen aus den Ereignissen der Finanzkrise verstärkt diese Empfindungen noch. Die Bindung zu lokalen Energieversorgungsunternehmen ist dagegen extrem hoch. In der Regel ist der Marktanteil eines Stadtwerks bei der Versorgung von Haushalten und Gewerbe mit Strom und Erdgas heute über 90%, wohingegen die nationalen Energiekonzerne erheblichen Marktanteil verloren haben.

Die Vertrauenskrise geht mit energiepolitischen Gestaltungswünschen der Kommunalpolitik in Bezug auf Klimaschutz und Verbraucherschutz einher (vgl. z.B. City Climate Conference, Hamburg 2009). Es ist offensichtlich geworden, dass die Gemeinden, die über ein kommunales Energieversorgungsunternehmen verfügen, mehr Gestaltungsoptionen haben als die Gemeinden, die ihr Unternehmen privatisiert haben.

Im Spannungsfeld zwischen Subsidiarität (der Private kann es besser als der Staat) und Finanzpolitik (der Privatisierungserlös ist ein erforderlicher Beitrag zur Haushaltssanierung) einerseits sowie kommunaler Handlungsfähigkeit in Bezug auf Klimaschutz und Verbraucherschutz andererseits, haben sich die Gewichte verschoben: den Privatisierungsprozessen der 90er Jahre folgt eine Rekommunalisierungswelle, nicht nur in der Provinz, sondern auch in den Großstädten (siehe EXPLORER markttrends Nr. 26 vom Mai 2009, S. 10 und Nr. 28 vom Oktober 2009, S. 10). So wurde mit Hamburg Energie in der zweitgrößten Stadt Deutschlands ein kommunales Energieversorgungsunternehmen aufgebaut. In Berlin denkt die rot-rote Koalition darüber nach, die Vattenfall-Anteile (32%) an der GASAG zu kaufen bzw. ein Stadtwerk zu gründen. Auch in Stuttgart wird über ein eigenes Stadtwerk diskutiert.

Im Zuge dieser Entwicklung wächst die Bedeutung von kommunalen Netzwerken und horizontalen Kooperationen für Stadtwerke auf allen Wertschöpfungsstufen. Besonders zur Kompensation von Größennachteilen in Erzeugung und Großhandel ist dies unerlässlich. Ebenso werden neue Regulierungsanforderungen und Aufgaben aus Messstellenbetrieb und Messdienstleistungen (MSB/MDL) in Kooperationen und kommunalen Netzwerken gelöst. Beispielsweise bietet das Stadtwerke-Netzwerk utilicount Dienstleistungen für Smart Metering an.

Vorteile von Stadtwerken sind Regionalität und Kundennähe, die in der Kundenkommunikation als Alleinstellungsmerkmale in den Vordergrund rücken müssen. Kommunale Netzwerke sind bei Vertriebsaktivitäten zu berücksichtigen, jedoch bieten auch die (ländlichen) Vertriebsgebiete der Großen Vier Chancen für rentables Wachstum. Gemeinsam mit dem Vertrieb und der Kommune erweitern Contractinglösungen das Portfolio.

In Bezug auf Energienetze ist es zum einen das Ziel, vorhandene Konzessionen durch enge Zusammenarbeit mit dem kommunalen Gesellschafter zu erhalten. Zum anderen bieten auslaufende Konzessionen im Umland Ansatzpunkte für regionales Wachstum unter Einbeziehung der dortigen Kommunen. So haben sieben Kommunen gemeinsam mit den Technischen Werken Friedrichshafen und dem Alb-Elektrizitätswerk Geislingen-Steige das Regionalwerk Bodensee gegründet.

Mit einer hinreichenden Beteiligung an Stadtwerken können Kommunen ihre Aufgabe zur Regionalentwicklung und zum Klimaschutz wahrnehmen und auf die Unternehmenspolitik Einfluss nehmen. Gemeinsam mit einem Zielkatalog bildet die Formulierung eines kommunalen Leitbilds zu Energie und Umwelt die Grundlage der Zusammenarbeit mit den Stadtwerken. Das Controlling wird um Nachhaltigkeit (Ökologie, Ökonomie und Soziales) als Steuerungsgröße erweitert. Auch andere interne Unterstützungs- und Steuerungsprozesse müssen den erforderlichen Wandel hin zu Kunden- und Dienstleistungsorientierung begleiten. Hier sind unter anderem Personalentwicklung, Recht und IT gefragt.

Aus kommunaler Sicht erforderlich ist auch die Lösung des Konflikts zwischen Versorgungssicherheit und Effizienz. Die Antwort darauf, wie die Effizienz gesteigert werden kann, liegt in den »vertikalen« Synergien der Integration der kommunalen Infrastrukturen rund um die Straßenoberfläche: Straßen, Wege, leitungsgebundene Energie, Wasser, Beleuchtung, Kommunikation usw. Die Aufstellung der Stadtwerke im Querverbund ist ein Anfang, die Zukunft geht mit Kommunalem Infrastrukturmanagement (KIM) darüber hinaus. Es entstehen Kostenvorteile durch Synergieeffekte sowohl für das Stadtwerk als auch für die Kommune. Die Kernaufgabe der Kommune der Zukunft ist es, den Menschen eine effiziente und damit bezahlbare Infrastruktur bereitzustellen.

Entscheidend wird auch sein, wie Kommunen und Stadtwerke mit dem Megatrend Klimaschutz umgehen werden. Klimaschutz als Veränderungstreiber im Energiemarkt ist in dieser Ausgabe auf S. 7 ein eigener TRENDreport gewidmet. 

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