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Erste Risse in der Ölpreisbindung

/ 01. März 2010 /

TRENDreport Energie & Emissionen, März 2010

Großansicht Entwicklung von Erdgas- bezug und Nachfrage im Jahres- vergleich 2008/2009
Im Verlauf der Jahre 2008 und 2009 hat sich die weltweite Finanz- und Wirtschaftskrise zunehmend auch auf die Gaswirtschaft ausgewirkt. Effekte der Krise waren eine sinkende Gasnachfrage sowie Großhandelspreise für Erdgas, die dauerhaft unter das Niveau ölgebundener Langfristverträge sanken. In der Folge dieser Entwicklungen wurden die traditionellen Säulen der langfristigen Vertragsbeziehungen zwischen Produzenten und Importeuren auf den Prüfstand gestellt.

Mit der sinkenden Nachfrage wurden Klagen in der Gaswirtschaft laut, dass die bestehenden Take-or-pay-Verpflichtungen in den Bezugsverträgen nicht eingehalten werden können. Dabei ist zu trennen zwischen der Importebene und der Lieferkette innerhalb der deutschen Gaswirtschaft. Je nach betrachteter Ebene stellt sich das Problem unterschiedlich dar.

Innerhalb der Lieferkette der deutschen Gaswirtschaft war die Betroffenheit durch die Krise abhängig vom Kundenportfolio der Unternehmen. Generell waren Unternehmen mit einem hohen Anteil von Industriekunden stärker betroffen als Unternehmen, die hauptsächlich Haushaltskunden beliefern. Letztere konnten dabei stärker von dem kalten Winter profitieren, der dazu beitrug, dass der krisenbedingt sinkende Bedarf von Industrie und Gewerbe durch einen steigenden Heizwärmebedarf der Haushalte teilweise kompensiert werden konnte. Zudem waren viele Unternehmen darüber hinaus mit Absatzeinbußen konfrontiert, die aus dem zunehmenden Wettbewerb resultierten.

Auf Basis von Zahlen des Bundeswirtschaftsministeriums beläuft sich der Nachfragerückgang im Jahresvergleich auf insgesamt 2%. Betrachtet man die Veränderungen im Gasaufkommen nach ihrem Ursprung, kommt man zu folgenden Ergebnissen (siehe Abbildung): Die Importe aus Russland sind massiv zurückgegangen (-12%), und auch die inländische Gasförderung war rückläufig. Dem gegenüber stehen Zuwächse bei den Importen aus Norwegen, den Niederlanden sowie aus sonstigen Lieferländern, die den Rückgang der russischen Mengen und die gesunkene Eigenproduktion mehr als kompensieren. Die somit über den tatsächlichen Bedarf hinaus beschafften Mengen wurden eingespeichert.

Der massive Rückgang der russischen Mengen kann damit nur teilweise durch die gesunkene Nachfrage in Folge der Wirtschaftskrise erklärt werden. Auch die Gaskrise zu Beginn des Jahres kann nicht als Ursache herangezogen werden. Relevant für diese Entwicklung sind vielmehr die vergleichsweise hohen Preise für russisches Gas in diesem Zeitraum, die aufgrund einer besonders langen Verzögerungszeit in der Ölpreisbindung nicht mehr wettbewerbsfähig waren.

Dies führte zu Verschiebungen im Beschaffungsportfolio der Importeure, hin zu höheren Handelsmengen aus Nordwesteuropa. Verletzungen von Take-or-pay-Verpflichtungen für russische Gasmengen wurden dabei bewusst in Kauf genommen. In der Folge forderte Gazprom von E.ON Ruhrgas rund 100 Mio. Euro für nicht abgenommenes Gas im Jahr 2009.

Der dadurch erzeugte Druck auf die langfristigen, ölpreisgebundenen Bezugsverträge hinsichtlich einer Flexibilisierung der Mengen- und Preisregelungen führte in der Folge zu weiteren Verhandlungen zwischen E.ON Ruhrgas und Gazprom. Im Ergebnis einigten sich die Vertragspartner eigenen Angaben zufolge auf ein Massnahmenbündel zur Flexibilisierung der bestehenden Bezugsverträge. Dazu zählt auch, dass in Zukunft ein Gasvolumen im unteren zweistelligen Prozentbereich an den Spotmarktpreis gekoppelt werden soll.

Neben E.ON Ruhrgas verhandeln nun auch weitere europäische Gasversorger mit Gazprom über eine Spotmarktkopplung von Teilmengen. Zeitungen berichten in diesem Zusammenhang, dass Gazprom bereit sei, 10-15% der vertraglich vereinbarten Gasmengen an den Spotmarktpreis zu koppeln. Dies könnte auch dadurch erfolgen, dass diese Mengen aus den ölpreisgebundenen Verträgen in separate spotmarktindexierte Verträge überführt werden.

Aufgrund der aktuellen Marktentwicklungen sahen sich aber auch norwegische Produzenten zu Zugeständnissen gezwungen. Statoil geht dabei auch den Weg der Ausgliederung von Teilmengen mit höherer Flexibilität in separate Verträge, um die Bestandsverträge weitgehend unverändert beibehalten zu können. Die Anpassungen im Rahmen der bereits abgeschlossenen turnusmäßigen Preisverhandlungen basieren nach Aussagen von Statoil weiterhin hauptsächlich auf der Ölpreisbindung.

Die Gasproduzenten haben auf den Druck durch veränderte marktliche Rahmenbedingungen reagiert. Die traditionelle ausschließliche Ölpreisbindung wurde gelockert. Damit wurden erstmals der Existenz von Großhandelsmärkten für Erdgas Rechnung getragen und die Wettbewerbsfähigkeit langfristiger Lieferverträge auch in Zeiten niedriger Großhandelspreise gestützt. Im Gegenzug dazu verzichteten die Importeure darauf, die Ölpreisbindung an sich in Frage zu stellen. Für Wettbewerber bzw. Neueinsteiger in den Markt
bedeutet dies zum jetzigen Zeitpunkt jedoch auch, dass ihr Beschaffungspreisvorteil sinkt.
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