Sind Stadtwerke in der Energiekriese von der Insolvenz bedroht?


Liebe Leser:innen,

Die russischen Gasflüsse nach Deutschland sind aktuell auf einem sehr niedrigen Niveau und könnten weiter sinken oder gar ganz eingestellt werden. Gleichzeitig steigen die Gaspreise an den Großhandelsmärkten. Das sorgt bereits jetzt für Schwierigkeiten bei den Importeuren, welche die Fehlmengen zu deutlich höheren Preisen beschaffen müssen. Vor wenigen Tagen wurde bereits bekannt, dass Uniper angesichts der Situation in Straucheln gerät. Der Bund will das Unternehmen mit Milliarden stützen.

Die Sorge ist groß, dass die für die Energieversorgung zentralen Unternehmen in die Insolvenz rutschen, mit Folgen für Stadtwerke, Unternehmen und Verbraucher:innen. Bundeswirtschafts- und Klimaschutzminister Robert Habeck zog den Vergleich zur Finanzkrise 2008 und sprach von einem „Lehman-Effekt“.

Neben der Unterstützung der Unternehmen mit Steuergeld gibt es für den Staat noch eine weitere Möglichkeit, eine Pleitewelle zu verhindern. Der Paragraph 24 des Energiesicherungsgesetzes liefert die Grundlage dafür, dass die Energieversorger die gestiegenen Beschaffungskosten unmittelbar an die Endkund:innen weitergeben könnten. Laut dem VKU lägen die Kosten in einer Größenordnung, die viele Kund:innen nicht zahlen könnten. Bisher hätten die Stadtwerke eine Rechnungsausfallquote von unter 1 %. Diese Zahl könnte sich verzehnfachen, was wiederum Stadtwerke in Liquiditätsnöte bringen könnte, erklärte der VKU-Chef Ingbert Liebing kürzlich gegenüber der „Wirtschaftswoche“.

Im Rahmen einer Kurzanalyse haben wir die möglichen Auswirkungen der aktuellen Entwicklungen auf eine Auswahl an Stadtwerken verschiedener Größen und Regionen untersucht. Unsere Annahmen dabei:

  • Die Unternehmen spiegeln das aktuelle Preisniveau an den Großhandelsmärkten unverzögert in ihren Preisen wider. Aufgrund der drastischen Preissprünge könnte es, wie von VKU-Chef Liebing angedeutet, zu einer Rechnungsausfallquote von bis zu 10% kommen. (Diese Annahmen bilden ein Worst-Case-Szenario aus heutiger Sicht.)
  • Die Höhe der Zahlungsausfälle ergibt sich aus der Rechnungsausfallquote, dem Gasabsatz¹ an Tarifkund:innen der jeweiligen Versorger und dem zu erwartenden Endkundenpreis unter Berücksichtigung der aktuellen Preisniveaus an den Großhandelsmärkten.
  • Grundlage für die angenommenen Beschaffungskosten bildet der durchschnittliche Preis am Terminmarkt der EEX der letzten 20 Handelstage für die Zeiträume Q4/2022 und Q1/2023 sowie Q2 2023 und Q3 2023.
  • Hinzu kommen die jeweiligen Netzentgelte, Konzessionsabgabe, Steuern sowie die Vertriebsmarge der Versorger. Verwendet wird die durchschnittliche, bundesweite Vertriebsmarge für die jeweiligen Grundversorgungsprodukte auf Vorkrisenniveau (Q3 2021).
Diagramm
Abbildung 1: Anteil der Höhe des Zahlungsausfalls am Ergebnis aus der gewöhnlichen Geschäftstätigkeit verschiedener Stadtwerke, Quelle: Geschäftsberichte, EEX, REFINITIV, ene`t, LBD-Berechnung, Darstellung LBD

Die Ergebnisse der Analyse:

  • Die Relevanz der Beschaffungskosten hat massiv zu genommen. Ihr Anteil am Endkundenpreis würde bei den betrachteten Stadtwerken auf etwa 70% steigen. Weitere Erhöhungen bei den Beschaffungskosten würden Versorger entsprechend stärker unter Druck setzen.
  • Die Größenordnung der von uns ermittelten Preise für Endkund:innen spiegeln sich in dem aktuellen Preisniveau auf den Portalen für Neuabschlüsse wieder.
  • Der Anteil der Zahlungsausfälle am Ergebnis der gewöhnlichen Geschäftstätigkeit1 der betrachteten Unternehmen läge zwischen 30% und 70%.
  • Für den im Rahmen der Analyse angenommenen Worst Case zeichnen sich bereits jetzt gravierende Auswirkungen – gemessen am Ergebnis aus der gewöhnlichen Geschäftstätigkeit – für die Energieversorger ab. Sollten die Unternehmen in die Insolvenz rutschen, könnten Energielieferungen an Endkund:innen eingestellt werden. Auch die Rolle der Unternehmen als Netzbetreiber könnte gefährdet sein. Die Politik ist daher gut beraten, bereits jetzt Vorbereitungen zu treffen, um die Unternehmen zu unterstützen und einen Dominoeffekt zu vermeiden. Sie scheint sich dem Problem bewusst zu sein und sucht nach Lösungen. Das Land NRW hat beispielsweise bereits damit begonnen, einen Schutzschirm für Stadtwerke zu spannen.

Ansprechpartner: Falk Pöppel, Research Analyst bei LBD

1: Die Daten stammen aus den aktuellsten Geschäftsberichten der untersuchten Unternehmen und beziehen sich auf das Jahr 2020.